Krams Krams Krams
Bevor ich mich auf eine Reise begebe, gibt es da immer diese Sache, die ich nicht vermeiden kann. Die Shopping-Eskalation.
Eine alte Gewohnheit, die sich immer dann einschleicht, wenn ich eine Reise plane:
Ich kaufe Kram. Und ich kaufe viel davon.
Am größten ist das Bedürfnis, vor der Abreise noch schnell den Kleiderschrank aufzustocken. Ein neuer Bikini muss her, denn der alte passt nicht mehr zu meiner Stimmung und den neuen Abenteuern, die mich erwarten. Hier noch ein Paar Sandalen und diese Blusen aus Leinen, weil die funktionieren auch gut, wenns heiß ist.
Praktische Packtaschen sind ein Muss, schließlich möchte ich noch mehr Platz für noch mehr Kram im Koffer haben. Ein neuer Rucksack, denn der alte harmoniert nicht mehr mit all den neuen Klamotten, die ich schon gekauft habe.
Ich muss mich vor mir selbst rechtfertigen
Es ist doch verständlich, dass ich mich auf Reisen wohlfühlen möchte und mich mit praktischen Dingen ausstatte, die meine Erfahrung verbessern. Und natürlich möchte ich mich im fremden Land von meiner besten Seite zeigen.
Gegenrede: Aber im letzten Jahr bin ich doch auch ohne das alles ausgekommen, und war total glücklich?
So viel Kram. Wahrscheinlich habe ich am Kofferpack-Tag schon wieder vergessen, dass die Hälfte davon in meinem Besitz ist. Völlig materialistisch. Das passt eigentlich nicht zu mir. Oder doch?
Ironischerweise liebe ich die Orte, in denen ich Zeit verbringe, gerade wegen ihrer Abwesenheit von Überfluss und der Charaktereigenschaften, die dieser in Menschen formt.
Jedes Mal wenn ich ins Flugzeug steige freue ich mich darauf eine Reihe von Ismen, die mich ankotzen, für eine Weile abzuschütteln. Snobismus, Materialismus, Egoismus. Aber auch Verschwendung, Oberflächlichkeit und Anspruchsdenken. Der Druck, immer mehr zu besitzen, immer mehr zu erreichen, verblasst.
Aber ich bleibe gleich
Ich werde nicht plötzlich zur Minimalistin, sobald ich über den Großen Teich fliege. Ich bleibe ich. Nur mein Umfeld ändert sich drastisch. Deswegen handle ich anders. Dann kaufe ich kaum noch Kram, trage kaputte alte Herren T-Shirts von Fruit of the Loom und repariere Dinge, die es “nicht wert” sind, anstatt sie wegzuwerfen. Dabei könnte ich mir eine Neuanschaffung leisten.
Das ist absolut gewöhnlich. Eine Blick auf meine LinkedIn-Timeline verrät, dass viele andere Deutsche im Ausland Ähnliches erleben.
Ich schlussfolgere: Der Größte Snob kann sich, bei der Änderung seines Umfelds, in einen vernünftigen Menschen verwandeln. Dinge, die einst als Maßstab für Erfolg und Glück galten, verlieren plötzlich an Bedeutung. Wir passen uns an, ändern unsere Prioritäten und Werte. Ein simpler Evolutionsmechanismus, der uns zwingt, uns neu zu definieren.
Alte Gewohnheiten haben ein Zuhause
Bestimmt ist es nicht notwendig, Tausende von Kilometern zu reisen (bzw. ein Vermögen für einen Flug auszugeben), um diese Einsicht zu gewinnen. Aber ich scheitere jedes Mal.
Immer wenn ich wieder nach Deutschland zurückkehre, versuche ich diese Erkenntnisse mitzunehmen. Ich reduziere den Überfluss, will mich auf das Wesentliche konzentrieren und die neuen Werte in meinen Alltag integrieren. Weil ich damit doch viel glücklicher bin.
Doch es dauert etwa drei bis sechs Monate, dann kaufe ich wieder Krams und Leinenblusen. Und je mehr ich mich wieder zurück anpasse desto doller will ich wieder über den Teich.
Und dann haue ich schließlich wieder ab.
In drei Wochen geht mein Flug.
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